Die Krux mit dem Wellness Syndrom

Julia felbar Blog Wellness Syndrom

von Julia Felbar

„Happiness is the new rich. Inner peace is the new success. Health is the new wealth. Kindness is the new cool.“ 

In meinem Instagram Feed muss ich nicht sehr lange nach unten scrollen bis eines dieser Wellness-Zitate auftaucht. Meistens kombiniert mit dem Foto einer jungen, schlanken, erfolgreichen, weißen Frau. Vorzugsweise ist es ein Foto, das mir suggeriert, dass sie es geschafft hat, weil sie am Traumstrand / in einer verrenkten Yogapose / im Designer-Apartment / im neuen It-Lokal chillt. Dieser neue Erfolg baut scheinbar nicht mehr auf Privilegien und einem findigen Geschäftsinn auf, sondern beruht auf der richtigen Mischung aus soft skills, die wir alle erlernen können. Das wird zumindest suggeriert. Zu diesen soft skills gehören unter anderem Konzepte und Techniken wie: 

  • Dankbarkeit
  • Achtsamkeit 
  • Reiki
  • Wünsche ans Universum senden
  • Astrologie
  • Meditation
  • Yoga
  • Chakren-Heilung und 
  • gewaltfreie Kommunikation 

Und während ich glaube, dass viele dieser Praktiken ihre Berechtigung haben und unser Leben bereichern können, verwechsle ich sie nicht mit meinen Privilegien. Denn was diese Zitate und die dahinter liegende Wellness-Philosophie suggerieren, sollte viel öfter als gezielter Affront empfunden werden: Wer nicht glücklich, gesund, ausgeglichen und dauerfreundlich ist, ist schließlich selbst dran Schuld. (Psychische) Erkrankungen und sozio-ökonomische Lebenrealitäten werden damit zur eigenen Verantwortung. Wellness wird zum Diktat und alle, die sich dem nicht unterwerfen (können), versuchen es einfach nicht genug. Wer Kritik äußert, wird mehr oder weniger dezent darauf hingewiesen, dass das die positiven Schwingungen und das eigene Strahlen dimmt. 

Doch so viel ist sicher: der Mensch ist nicht dazu gemacht auf einer ständig rosaroten Plüschwolke umher zu schweben und sich dabei in purer Glückseligkeit zu baden. 

Der Wellness-Begriff kann sich nur dann vor der Bedeutungslosigkeit retten, wenn wir nicht mehr nur das eigene physische, emotionale, spirituelle, intellektuelle und berufliche Wohlbefinden in den Vordergrund stellen. Viel mehr zählen die Verbindung und der Beitrag  zu unserer Umwelt. 

Mindful oder Mindfull?
Denn Achtsamkeit bedeutet nicht, dass alle schwierigen und emotional anspruchsvollen Themen einfach bei Seite geschoben werden dürfen, um die eigene innere Balance nicht zu kippen. Viel mehr sollte sie uns den Abstand geben, entscheiden zu können, wann wir uns um uns selbst kümmern müssen und wann wir bereit sind uns selbst und andere mit schwierigen Nachrichten und komplexen Problemen zu konfrontieren. Wer weiß, vielleicht bedeutet das wieder einmal Nachrichten zu lesen, inklusive Kommentarspalte. Vielleicht ist ein politisch aktuelles Buch oder eine kritische Dokumentation aber vorerst ausreichend. 

(Gr)attitude
Ähnliches gilt für das Konzept der Dankbarkeit. Es ist gut und wichtig sich vor Augen zu halten, dass wir zufällig das goldene Lotterie-Ticket gezogen haben und von unfassbarer Fülle umgeben sind. Das heißt nicht, dass wir gesellschaftlich und persönlich keine Probleme mehr haben dürfen. Wer so denkt, negiert die Vor- und Nachteile, die sich aus den strukturellen Problemen unserer Gesellschaft ergeben. Ich kann gleichzeitig dankbar für meine Lebenssituation sein und mich nach mehr sozialer Gerechtigkeit sehnen und diese ansprechen. 

Self-Talk
Dieses Ansprechen sollte zu allererst ehrlich sein. Wem nach Schreien und Toben ist, wird mit vorgefertigten Sprechmustern und Gute-Laune-Zwang vor allem unauthentisch wirken. Nicht alle Konflikte können kooperativ gelöst werden. Besonders dann nicht, wenn das Gegenüber in einer Machtposition steht und diese ausnutzt. Aber auch nicht jede kleine Gefühlsregung muss dauernd auf der Meta-Ebene reflektiert werden. Beides hindert unser Vorankommen und hält uns davon ab dringliche Fragen zu klären.

All about Balance
Wohlbefinden und eine kritische Weltsicht stehen nicht im Gegensatz zueinander. Selbstfürsorge ist kein leistungssteigernder Luxus. Viel mehr ist sie unabdingbar für ein autonomes Dasein. Jedoch dürfen unsere Wünsche nach Veränderung nicht durch eine Wellness-Diktatur weichgewaschen werden. Im Gegenzug dazu können wir üben wirklich schöne Momente auszukosten. Wenn wir lernen, nicht sofort an das nächste Problem zu denken, ergeben sich kleine Momente in denen wir nur sein dürfen. Und das klingt wiederum schon ziemlich meditativ. ;)

Giulia Tamiazzo