Every Body Yoga

 Photo by  Jake Davies  on  Unsplash

Photo by Jake Davies on Unsplash

von Julia Felbar

Wie sieht eigentlich der perfekte Yogakörper aus? Der ganz normale Körperbildwahnsinn!

„Aber ich bin doch nicht jung / fit / schlank / flexibel genug für Yoga.“

Alle die schon mal jemanden zum Yoga eingeladen haben, kennen diesen Satz. Und die Angst in diesem Satz ist vielleicht ein wenig begründet. Denn es gibt ihn, DEN Yogakörper. Menschen die schlank, jung und dehnbar sind fühlen sich mehr zum Yoga und zum Yoga unterrichten hingezogen, als solche die es nicht sind. Vielleicht ist die Angst dem Yoga-Körperbild nicht entsprechen zu können deshalb so groß. Vielleicht steht der körperliche Aspekt oft zu sehr im Vordergrund. Vielleicht sind auch die sozialen Medien Schuld. 

Die Problematik wird durch den Inhalt vieler Yogaausbildungen verstärkt. Die Asana-Praxis (also der körperliche Aspekt vom Yoga) gleicht einem Standardrezept für alle Körper, dem das Körperbild jung, fit, schlank, gesund, wohlproportioniert zu Grunde liegt. Während der Ausbildung funktioniert diese Generalisierung auch einigermaßen, da das Niveau und die körperlichen Voraussetzungen der Gruppe meist relativ hoch und homogen sind. 
 

Der Schock kam für mich während des ersten Unterrichtsjahres: Viele sanfte Versionen von Yogahaltungen konnten von meinen Schülerinnen und Schülern nicht ausgeführt werden. Nur langsam lernte ich dazu: Was sind gute Alternativ-Positionen bei Knieschmerzen? Wie kann ich den unteren Rücken schützen? Wie kann ich mehr Verspannungen im Schulterbereich vermeiden? Das betraf nicht nur alte und unflexible Menschen. Auch junge, sportliche Menschen hatten Verletzungen, Haltungsschäden und anatomische Abweichungen, die nicht einfach „weggedehnt“ werden konnten.

Auf eine Sache war ich jedoch nach wie vor nicht vorbereitet. Übergewicht. Denn obwohl Yoga meinen Körper und mein Körperbild sehr stark verändert hatte, stand ich wie angewurzelt beim Check-in, als ich das erste Mal eine stark übergewichtige Frau unterrichten sollte. Meine innere „Yoga ist für Alle“-Stimme verstummte und ich kramte eilig im bildhaften Gedächtnis nach geeigneten Yogaposen. Das Ergebnis: 0 

In keinem meiner Yogabücher war je eine übergewichtige Person dargestellt. Dieses Erlebnis zeigte mir auf, wie sehr auch ich von einem unrealistischen Körperbild im Yoga beeinflusst war. Meine Recherche begann: viele Vorschläge für den Yoga-Unterricht kannte ich bereits aus meiner Unterrichtspraxis, andere Fotos faszinierten mich einfach und nahmen mir die Angst mit Körpern zu arbeiten, die nicht in unser gängiges Schönheitsideal passen. Es war wie eine Art Sucht. Ich wollte mindestens zwei bis drei Yoga-Persönlichkeiten auf Instagram folgen deren Körper: 

  • nicht weiß sind 
  • keinem eindeutigen Geschlecht zugeordnet sind
  • nicht dem gängigen Gewichtsideal entsprechen 
  • mit physischen Einschränkungen Yoga praktizieren
  • älter als 50 sind

Doch ich wurde nicht nur auf Instagram fündig, sondern auch im echten Leben. Und obwohl ich alle meine Schülerinnen und Schüler bewundere, die sich Zeit nehmen Yogaposen an ihren Körper anzupassen (und nicht umgekehrt), erlischt meine Sensationslust und der Fokus auf das körperliche Außen mehr und mehr. Denn die Auseinandersetzung mit verschiedensten Yoga-Körpern und ihren Körperbildern führte dazu, die Idee eines Körperbildes zu hinterfragen. Stattdessen fand ich Gefallen an der Theorie der Verkörperung oder englisch: Embodiment

Denn während die Idee des Körperbildes stark von der Außenwahrnehmung des eigenen Körpers geleitet wird, arbeitet die Embodiment-Theorie mit der Erfahrung in unserem Körper.

Von innen nach außen, statt von außen nach innen. 

Natürlich wünsche ich mir nach wie vor, dass viele verschiedene Yoga-Körper sichtbar(er) werden. Und ich wünsche mir vor allem einen wertschätzenden Umgang mit ihnen in Yogaausbildungen und in der Yogaliteratur. Um die Hemmschwelle für beide Seiten (Unterrichtende und Praktizierende) zu senken und die verschiedensten Körper im Yoga zu normalisieren. Dabei geht es nicht vorrangig darum dicke Frauen zu zeigen (die ihren Körper dadurch legitimieren müssen, dass er unfassbares leistet). Sondern es geht darum Verständnis zu schaffen, dass wir unabhängig von einem Körperbild Yoga praktizieren können.

Mein größter Wunsch ist deshalb den Fokus weniger auf die Körperformen zu legen und stattdessen Verkörperung oder Embodiment, mit Hilfe von yogischen Strategien, zu unterrichten und zu praktizieren. 

Konkret bedeutet das: 

  • neue Wege der Körperwahrnehmung zu schulen (weg vom Urteil, hin zum Selbst-Mitgefühl) 
  • nicht mehr gegen sondern mit dem Körper zu arbeiten (lernen körperliche Signale wahrzunehmen und sie zu beachten)
  • das Gefühl mehr als den Blick zu schulen (wie fühlt sich eine Yogahaltung an, nicht wie sieht sie aus)
  • das Verständnis zu stärken, dass unser Körper und unser Geist eine Einheit bilden (körperliche Selbstfürsorge unterstützt die geistige Selbstfürsorge und umgekehrt)

Wenn Du also das nächste Mal mit deinem Körperbild kämpfst, verlagere deine Aufmerksamkeit hin zum Spüren - ein Bodyscan oder eine Atemübung kann Dir dabei helfen. Und dann? Every Body Yoga! Denn wer atmen kann und die Aufmerksamkeit nach innen lenken kann, hat schon den perfekten Yogakörper. Alle Yogastunden, die dir etwas anderes vermitteln kannst Du bedenkenlos schwänzen ;)

Giulia Tamiazzo